Ein kleiner Bericht des Karolinger-Charakters von Paul:


 

Ich schreibe mich folgendermaßen: Theodric Guntharding1. Genannt werde ich aber meist Thedo. Geboren wurde ich im fünfzehnten Jahr, nachdem unser Kaiser Karl zum Könige geworden war, im Dorfe Ingelinheim, das am Rhen liegt. Leider verstarb meine Mutter Hildegard bei meiner Geburt. Geschwister hatte ich nicht. Mein Vater Gunthard nahm ein neues Weib, aber ihnen blieben Kinder versagt.

Mein Vater war ein Händler, so wie sein Bruder Hugo auch. Wir lebten in zwei unmittelbar benachbarten Häusern – mein Vater, sein zweites Weib Meinberga und ich in einem, mein Fetiro, sein Weib Richmunda und ihre Tochter Liutgard im Haus daneben. Doch während mein Vater nur wenige Tagesreisen um Ingelinheim herum Handel trieb, übernahm mein Fetiro die weiten Reisen – er handelt mit Waren aus Dorestad nahe der Mündung des Rhens in das Meer. Deshalb ist er im Sommer auch meist abwesend. Wir haben ein Boot, mit dem er den Rhen hinunterfährt. Mit ihm reisen immer drei unserer gedungenen Wachleute2, denn die Fracht ist sehr wertvoll, und viele wünschen sich, sie zu besitzen. In Dorestad trifft er dann auf Friesen oder Händler aus dem Norden, und mit ihnen tauscht er seine Waren: Hugo gibt ihnen Gewürze wie Pfeffer, Zimt und Muskat, Weihrauch und Myrrhe, Perlen, Elfenbein und Seide, und dafür erhält er Waren, die ursprünglich von Dänen, Gauten, Svear oder Nordleuten kommen wie Bernstein, Walrosszahn und seltenes Pelzwerk3. Manchmal erhält er auch Silbergeld oder Silberstücke für seine Waren. Wenn er all seine Ware eingetauscht hat, treidelt4 mein Fetiro wieder den Rhen hinauf oder – wenn der Wind es zulässt – sie segeln. Unterwegs verkauft er auch schon einen Teil seiner neuen Waren in den großen Städten entlang des Rhens.

Wenn mein Fetiro wieder bei uns ankam, übernahm mein Vater die Waren aus dem Norden, und mein Fetiro machte sich wenige Tage darauf wieder auf die Reise nach Dorestad. Mein Vater besorgte dann die Geschäfte in der weiteren Umgebung unseres Dorfes. Zunächst fuhr er mit den Waren und unseren drei anderen gedungenen Wachleuten zu den größeren Märkten in Magontia, Franconofurd und Worms, wohin auch die jüdischen Händler kommen. Diese führen die Waren des Südens mit sich, die mein Fetiro für seine nächste Fahrt nach Dorestad benötigt. Mein Vater tauschte also die meisten unserer Waren aus dem Norden gegen neue Güter aus dem Süden ein. Die jüdischen Händler wiederum kaufen für einen Teil unserer Güter Sklaven ein, die sie dann mit in den Süden nehmen.

Aber einen Teil unserer Waren verkaufen wir nicht den jüdischen Händlern. Pelzwerk aus dem Norden und Bernstein ist beim Adel und den begüterten Grundherren, bei den Grafen und Pfalzvögten und auch bei Bischöfen und Äbten sehr beliebt. Sie bezahlen dafür meist mit Silbergeld. Deshalb reiste mein Vater nun in unserer Gegend zu diesen Herren – manchmal sogar bis nach Mettis, um ihnen diese Waren feilzubieten. Von dem Geld bezahlen wir unsere Wachleute. Wir bezahlen davon den Zoll, der auf unseren Reisen auf unsere Waren erhoben wird. Wir halten davon das Boot instand, und wir müssen davon unser Essen kaufen, also unser ganzes Mehl, die Rüben, den Wein, denn wir besitzen nur einen Garten hinter unserem Haus, aber keine Felder. Aber zwei Kühe haben wir im Stall stehen – sie ziehen unseren Wagen und geben uns Milch. Sie weiden auf der Allmende und des nachts oft auf dem Anger. Und Hühner haben wir auch.

Einmal fuhr mein Fetiro über Dorestad hinaus in den Norden. Er schickte unser Boot mit unseren Wachleuten heim und bezahlte für eine Schifffahrt entlang der Küste, die ihn zu den Nordleuten in Kaupangen, zu den Gauten auf der Insel Hisingen und zu den Dänen in Ribe führte. Er wollte einmal selbst sehen, wo seine Waren herkommen, und wie die Preise seiner Waren sind, wenn man sie gleich dort kaufen könnte. Damit erhoffte er sich, in Dorestad zukünftig besser verhandeln zu können. Schließlich schloss er sich in Haithabu einer Gruppe fränkischer Kaufleute an und reiste mit ihnen wieder nach Hause.

Mich sandte mein Vater mit acht Jahren für den Unterricht in Lesen, Grammatik, Singen, Rechnen und Schreiben5 zu den Priestern der Kirche St. Remigius. Dafür bezahlte er ihnen etwas Silbergeld. So lernte ich, zu lesen und zu schreiben, zu rechnen, und auch des Lateins bin ich mächtig. Mein Vater dachte, dass diese Fähigkeiten für einen Händler nützlich sein würden.

Mit vierzehn Jahren hatte ich genug gelernt und konnte meinen Vater auf seinen Handelsreisen in der Umgebung begleiten. Mein Vater konnte nicht schreiben, aber ich konnte nun Verzeichnisse führen, welche Waren wir besitzen, wieviel wir von was verkauft haben. Und ich kann auf meinen Wachstafeln aufschreiben, wenn ein Käufer einen Wunsch für das nächste Jahr äußert, zum Beispiel einen besonders schönen Feh- oder Schneefuchspelz oder einen besonders großen Bernsteinklumpen für Schnitzereien. Das ich schreiben kann, erleichterte meinem Vater und Fetiro die Arbeit sehr, sagten sie. Weil sie sich so viele Dinge nicht mehr so gut merken könnten. Das Weib meines Fetiros denkt übrigens auch, dass sie schreiben kann. Wenn in unserer Abwesenheit ein fremder Händler oder ein Bote zu unserem Haus kommt und eine Nachricht hinterlässt, dann ritzt sie seltsame Zeichen in ein Holzstück ein. Und tatsächlich – diese Zeichen helfen ihr, sich wieder an die Botschaft zu erinnern, wenn wir zurück sind.

Leider starb mein Vater zwei Jahre, nachdem ich bei ihm mit dem Handeln angefangen hatte. Gott sei gepriesen, dass mein Fetiro mich in seinen Haushalt aufnahm. Ihm und seinem Weib hatte Gott noch eine weitere Tochter Hildegard geschenkt, die nach meiner Mutter heißt und für mich wie eine Schwester ist. Ich musste nun gemeinsam mit meinem Fetiro sowohl die Reisen nach Dorestad wie auch den Handel in unserer näheren Umgebung durchführen. Das war eine sehr anstrengende Zeit für uns. Noch war ich zu jung, um alleine zu den Adeligen und Großen zu gehen, von ihnen ernst genommen zu werden und ihnen unsere Waren für einen guten Preis verkaufen zu können. Ich war froh, dass mein Fetiro damals stets dabei war. Wir brauchten dann natürlich keine sechs Wachleute mehr und behielten nur drei von ihnen. Aber nach drei Jahren meinte mein Fetiro, dass ich nun bereit sei, alleine die Aufgabe meines Vaters zu schultern, und er fuhr wieder ohne mich nach Dorestad.

Noch einmal drei Jahre später, ich war zweiundzwanzig Jahre alt, sagte er zu mir, dass auch ich jetzt den Norden besuchen sollte. Ich solle seine Geschäfte lernen und auch die Quelle unseres Handels kennenlernen. Da er nur Töchter hat, solle ich sein Nachfolger werden, und das Reisen strenge ihn inzwischen immer mehr an. Er wolle deshalb, dass ich künftig mit dem Norden handele und er mehr zu Hause bleiben könne. So fuhren wir – wie er damals – zuerst nach Dorestad. Hier war ich ja schon mehrere Male gewesen, und friesische und nordische Händler kannte ich schon. Aber die Reise über Dorestad hinaus war ein großes Abenteuer für mich. Ich sah zum ersten Mal das Meer – und ich fuhr auf ihm!

Durch meinen Umgang mit Händlern war ich fremde Menschen schon gewöhnt, aber dass ich im Norden ausschließlich von fremden Menschen und fremden Bräuchen umgeben war, das machte mich schon etwas bange. Die Menschen im Norden sind nur sehr selten Christen, und es sind auch keine Juden. Sie glauben noch an die alten Götter, an Wuodan, den sie Odin nennen, an Donar, der bei ihnen Thor heißt, und an viele weitere. Unsere Priester haben vor langer Zeit den wahren Glauben an den einzigen und allmächtigen Gott und seinen Sohn Jesus Christus zu uns gebracht. Aber auch bei uns zu Hause gibt es noch Aberglauben an die alten Götter, der von den Priestern mit aller Kraft bekämpft wird. Aber dort im Norden sieht man nur selten Priester, und die Menschen wollen die Frohe Botschaft unseres Herrn kaum hören. Ihre Sprache ähnelt der unseren, aber sie ist doch anders. Sie ist noch viel mehr anders als die Sprache der Sachsen und der Friesen, aber sie ist doch viel ähnlicher als das Latein und die Sprache der Welschen. Nach einigen Wochen im Norden konnte ich schon einiges verstehen, und nach drei Monaten konnte ich einigermaßen mit den Menschen reden. Immer wieder wurden wir gefragt, ob wir keine fränkischen Schwerter zum Verkauf hätten. Und obwohl sie keine Christen sind und eine andere Sprache sprechen, so habe ich gemerkt, dass die Menschen im Norden uns schon sehr ähnlich sind.

Mein Fetiro wollte dieses Mal auch die Svear kennenlernen, und so wechselten wir in Haithabu das Schiff und fuhren nach Birka. Auf diese Reise hatten wir als Ware nur Perlen mitgenommen, weil es am kleinsten und leichtesten zu transportieren ist. Und nach Hause nahmen wir dieses Mal auch nur Silber und Bernstein mit, den sich ein Adeliger besonders gewünscht hatte. Zum Schutz hatten wir zwei unserer Wachleute auf der ganzen Reise mit dabei. Und zurück ging es dieses Mal wieder mit dem Schiff nach Dorestad und dann zu Fuß den Rhein hinauf. Diese Reise gefiel mir sehr gut, und ich möchte irgendwann erneut in den Norden aufbrechen, wenn unser Geschäft es zulässt.

Ein Weib habe ich noch nicht. Ich suche noch die richtige, die gut zu einem Händler passt. Die Weiber im Norden haben mir dabei sehr gefallen.

References & Footnotes
  1. Wikipedia-Patronym : https://de.m.wikipedia.org/wiki/Patronym#Deutsch
  2. Handel und Verkehr in Mittel- und Nordeuropa : Hermann Nehlsen: „Kaufmann und Handel im Spiegel der germanischen Rechtsaufzeichnungen“ in Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa, Vandenhoeck & Ruprecht Verlang, 1985.
    Jeder Wachmann kostet ca. 3 Solidi für ein ganzes Jahr (siehe Kosten für einen Mercennarius im Kapitel De transmarinis negotiatoribus aus dem 11. Buch des Liber Iudiciorum vom Westgotenkönig Reccesvinth aus dem Jahr 654)
  3. Handelsgüter : https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Handelsg%C3%BCter
  4. Das Treideln : Treideln war am Rhein schon im Frühmittelalter bekannt. Allerdings ist das Treideln für den Oberrhein (ab Ingelheim) erst im Hochmittelalter belegt. Ein Grund könnte sein, dass der Rhein im Oberrheingraben stark mäandert (siehe Bild hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbegradigung). Oder wie man hier (https://de.wikipedia.org/wiki/Classis_Germanica) nachlesen kann: 'waren die damals weitverzweigten, stellenweise fast undurchdringlichen und sumpfigen Auenlandschaften des Oberrheins sowie das Vorhandensein zahlreicher mäandernder Nebenarme'. Ingelheim hat deshalb als Endstation für die Schifffahrt eine besonders vorteilhafte Position, weil es genau am Übergang zwischen Ober- und Mittelrhein liegt.
  5. Buch - Die Welt der Karolinger : Pierre Riché: "Die Welt der Karolinger", Reclam Verlag, 2016 (Originalausgabe aber von 1963!).
    Viele Schreiber waren Mönche, aber nicht alle. So war z.B. auch Einhard, ein enger Vertrauter und Begleiter Karls des Großen, kein Geistlicher, obwohl er seine Schreibausbildung in einem Kloster erhielt. Auch andere Adelige und Laien erhielten Unterricht in Klosterschulen. Zudem konnten auch Priester in Städten und Dörfern einige Kinder unterrichten.

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